"Landwirtschaftliche Betriebe brauchen auch neue Geschäftsmodelle"

In der zweiten Folge unseres neuen Formats "Ideenfutter Talk" hat sich unsere Co-Founder M. Lee Greene mit Verena und Johannes Decker virtuell zum Interview verabredet. Verena und Johannes sind zusammen mit Johannes' Bruder Thomas Decker die Gründer von Feldhelden Rheinland und bauen seit 2019 in Pulheim bei Köln regional Quinoa an. Was waren die Beweggründe hinter dem Start-up, vor welchen Herausforderungen standen sie und wie wichtig ist ein funktionierendes, weites Netzwerk?
Auch dieses Interview gibt es wahlweise in Video- oder Schriftform. Hier geht's zum Video auf unserem YouTube Kanal


Wer lieber lesen möchte, der kann dies nun tun:

Lee: Da sind wir wieder beim Ideenfutter Talk, heute mit Verena und Johannas von Feldhelden Rheinland. Schön, dass ihr da seid. Was macht ihr denn genau bei Feldhelden Rheinland?

Johannes: Wir bauen im Rheinland Quinoa an. Das machen wir seit 2019. Wir verstehen es als unsere Mission, Produkte, die ansonsten um die halbe Welt reisen, nachhaltig in der Region anzubauen. Quinoa beispielsweise kommt aus Südamerika – Peru, Bolivien etc. Wir wollen aus der Landwirtschaft heraus dem Konsumenten einen direkten Mehrwert bieten und sagen “das muss nicht um die halbe Welt reisen, das können wir auch nachhaltig hier vor Ort anbauen”.

Lee: Ihr seid ja eigentlich ein Dreier-Bund; also Verena und Johannes – ihr beiden habt zwar den gleichen Nachnamen, aber Verena ist eigentlich mit Johannes’ Bruder verheiratet.

Verena: Ganz genau, mit Thomas.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Lee: Wie seid ihr denn darauf gekommen, Quinoa anzubauen? Ihr seid ein landwirtschaftlicher Betrieb, habt ihr schon immer Direct 2 Consumer angebaut? 

Vom Rollrasen zum Quinoa-Anbau
Verena: Thomas ist in unserem Dreier-Team der Landwirt und er übernimmt bzw. bewirtschaftet den Ackerbau-Betrieb zusammen mit seinem Vater. Wir haben vor fünf Jahren bereits überlegt, wie wir einen “reinen” Ackerbau-Betrieb weiterentwickeln und zukunftsfähig gestalten können. 

Thomas hat dann vor einigen Jahren begonnen, Rollrasen in der Direktvermarktung anzubieten. Das war der Einstieg, da standen dann auf einmal dann bei uns Kunden auf dem Hof, so etwas kannten wir bis dato gar nicht. Da braucht man dann so banale Dingen wie eine Homepage, ein Büro und eine Telefonnummer, unter der man erreichbar sein muss. 
Bis dahin war unser Fokus Kartoffeln, Zuckerrüben und Getreide – das wird in der Regel an einen Abnehmer verkauft, der es weiter vermarktet. Wir hatten also keinen klassischen Hofladen oder sonst irgendetwas.

Der Rollrasen war dann wie gesagt der erste Schritt in die Direktvermarktung. Dann haben wir drei vor ziemlich genau drei Jahren überlegt, was ein möglicher weiterer Schritt sein könnte und sind dann auf Quinoa gekommen. 

Lee: Tolle Geschichte. 

Johannes: Wir haben überlegt, was genau wir anbauen können, sind die verschiedenen Superfoods einmal durchgegangen, und haben uns gefragt, was auch hier funktionieren könnte. Und da sind wir am Ende bei Quinoa gelandet.

Lee: Wart ihr da inspiriert, weil ihr gesehen habt, dass es bereits erfolgreichen Anbau von Quinoa in Deutschland gibt? Nach welchen Parametern habt ihr gesagt, dass es hier im Rheinland funktionieren könnte?

Quinoa-Anbau in Deutschland

Verena: Wir wussten, dass z.B. an der Uni Kiel sehr intensiv am Quinoa Anbau in Deutschland geforscht wurde. Wir haben uns ein bisschen im Internet schlau gemacht und auch andere Anbauer hier in Deutschland gefunden. Also die Anzahl an deutschen Quinoa-Anbauern kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen. Das sind nicht wirklich viele. 
Aber so wussten wir, dass es funktioniert. Für uns war dann die ganz große Herausforderung, an Saatgut zu kommen. Den normalen Saatgut Händler anzurufen und nach Quinoa Saatgut zu fragen, hat nicht geklappt. Als wir dann jemanden gefunden haben, der uns das Saatgut bereitgestellt hat, konnten wir von ihm auch schon einige Tipps bekommen. Und haben dann beispielsweise auch erfahren, dass Quinoa in den Niederlanden bereits flächendeckend angebaut wird. 

Ein gutes Netzwerk ist der Schlüssel zum Erfolg

Lee: Euer bestehendes Netzwerk war zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich auch nicht unbedingt eines, das euch bei der Direktvermarktung unterstützen konnte oder bei Prozessen wie Verpackung, Handelseintritt oder den Endkunden zu erreichen. Da geht es ja dann um Themen wie Lebensmittelsicherheit etc. in der Verarbeitung. 
Wie schwer war es, sich da einzuarbeiten ? Habt ihr da Unterstützer gefunden, mit denen ihr vorher nicht gerechnet hattet?

Johannes: Du hast zum einen die Vermarktung an den Endkunden angesprochen und zum anderen die verschiedenen Prozess- und Verarbeitungsschritte. Das war für uns sehr schwer. Wir brauchten eine Reihe von neuen Partnern. Jemanden, der für uns das Quinoa nach der Ernte trocknet, jemand, der es reinigt, wir brauchten jemanden, der es für uns abfüllt, etikettiert und lagert. Und natürlich einen Logistiker. Das Ganze war sehr neu für uns. 
Zu Beginn hab ich mir unser Auto geschnappt und bin damit die Restaurants und Unverpackt-Läden in der Region abgefahren. Ich habe also jede Auslieferung persönlich gemacht. Und dann hatten wir den ersten Unverpackt-Laden aus Karlsruhe als Kunden. Und nach Karlsruhe zu fahren für einen Sack Quinoa ergibt dann halt nicht mehr wirklich viel Sinn. Das heißt, da brauchten wir einen Logistiker, der in der Lage ist, alles zu versenden.
Was für uns sehr schön war, dass wir auf dem Weg auch Partner gefunden haben, mit denen wir uns austauschen können, die auch aktiv Vorschläge machen, wie wir es vielleicht auch anders machen können. Dieses Netzwerk aufzubauen, das hat gedauert.

Lee: Ist euer Netzwerk hauptsächlich ein Netzwerk aus landwirtschaftlichen Betrieben gewesen, die Direktvermarktung machen?  Johannes, bist früher einem anderen Job nachgegangen – nicht in der Landwirtschaft. Gab es da Kontakte, die eigentlich gar keine landwirtschaftliche Kernkompetenz hatten, aber wo ihr der Austausch trotzdem wertvoll war?

Johannes: Ich habe vorher viereinhalb Jahre bei einem mittlerweile ehemaligen Start-Up gearbeitet und durch dieses Umfeld kenne ich einige Leute, z.B. aus dem Bereich Logistik, an die wir unsere Fragen richten konnten.
Wir haben wiederum im Austausch mit anderen Landwirten schon gemerkt, dass Quinoa sich sehr von anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen unterscheidet. So können wir Quinoa beispielsweise sehr lange im Paket lagern.

Wir haben außerdem vom Netzwerk des Foodhub NRW profitiert, bspw. als es nachher darum ging, wie wir unser Produkt abfüllen. Wir konnten dann über andere Start-ups aus dem Foodhub NRW Netzwerk erfahren, wo es hier in der Region Abfüller gibt. Vielen Dank dafür.

Wunsch an die deutsche AgriFood Start-up Community

Lee: Das freut uns! Wenn wir gerade schon von Netzwerk sprechen – eine abschließende Frage: Was ist denn euer Wunsch an das AgriFood-Netzwerk hier in NRW? Wo ihr sagt da fehlt noch etwas oder gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Johannes: Landwirte vernetzen sich gerne in ihren eigenen Reihen. Aber wenn ich meinen Betrieb weiterentwickeln will, dann muss ich auch weiter in den Dialog gehen und mit Menschen auf anderen Stufen der Wertschöpfungskette kommunizieren. Das wäre toll wenn man das noch stärker fördern könnte. 

Außerdem haben wir ja jetzt seit einem Jahr eine etwas ungewöhnliche Situation mit Corona. Ich fand toll, wie der Foodhub NRW letztes Jahr eine Online-Konferenz organisiert hat zum Austausch. Ein Wunsch von mir wäre, dass wir uns auch in dieser Situation die Zeit nehmen, um uns auszutauschen und voneinander zu lernen. Gerade unter Start-ups. Corona ist kein Stillstand, wir wollen uns weiterentwickeln und sollten daher die Wege nutzen, die es gerade gibt. 

Lee: Das würde uns auch sehr freuen, wenn wir mal wieder die Köpfe zusammenstecken können auf einer echten physischen Expo und natürlich euer Quinoa probieren. Aber bis dahin haben wir zum Glück virtuelle Formate wie dieses großartige Gespräch.
Und natürlich eure tolle Webseite. Da können Interessenten alles über euch lernen und auch Quinoa kaufen.
Ich danke euch ganz herzlich für das Gespräch mit diesen interessanten Insights. Super, wie ihr das gemacht habt und was ihr geschafft habt, auch in dieser kurzen Zeit. 
Danke für das Gespräch!

Bildnachweis: Canva

Geschrieben von

M. Lee Greene

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