"Es gibt nicht die eine beste Verpackungslösung" - Best Practice Talk

Eine fast intakte Verpackung eines Schokoriegels am Strand, angespült nach einer Zeit im Wasser, machte in den letzten Wochen die Runde auf LinkedIn.

Warum das eine News war? Das noch schwach lesbare Haltbarkeitsdatum auf dem Riegel mit dem Markenname Raider (seit 1991 als TWIX im Markt) lautete „Oktober 1989“. 

Zwar konnte die Echtheit des Fundes nicht abschließend bestätigt werden (der Urheber des Posts sagt, er habe die Verpackung selber gefunden), doch eins ist klar: neue, nachhaltige Verpackungslösungen sind dringend notwendig.

Welche alternativen Technologien gerade entstehen, haben wir in diesem Artikel skizziert. Aber wie kann man – besonders als Start-up – seine Visionen einer nachhaltigen Verpackung für seine Produkte umsetzen? Das war die zentrale Frage im virtuellen „Coffee Best Practice“, den wir zusammen mit Crowdfoods organisiert haben.

Vier Referenten stellten ihre Learnings zur Diskussion, in diesem Artikel haben wir die wichtigsten Ergebnisse für euch zusammengefasst. 

 

Anne-Liis Theisen, Gründer Öselbirch: „Es gibt nicht die eine beste Verpackungslösung – aber es gibt die beste Lösung für ein Produkt in einer bestimmten Situation“

Glasflaschen sind müssen nicht das Gelbe vom Ei sein – das war die Erkenntnis von Öselbirch. Sie produzieren Getränke aus Birkensaft. Der Saft wird in den estnischen Birkenwäldern gezapft, produziert, teils fermentiert, und dann in Estland und Exportmärkten verkauft. Ursprünglich hatte Öselbirch Glasflaschen als Verpackung gewählt, getrieben vom Wunsch so nachhaltig wie möglich zu sein. Doch die Rechnung ging nicht auf. Durch die langen Transportwege und das Gewicht der Flaschen war die Ökobilanz von Glas schlechter als Alternativen. Auch Mehrweg war kein Ausweg, denn ab einer Distanz von 600 km steht auch dieses System schlechter da. Eine neue Verpackung musste her, aber richtig nachhaltig – und vom Kunden akzeptiert. „PET und TetraPak sind in der Summe gleich gut“, erklärt Anne. „Aber PET hat halt bei Kunden ein schlechtes Image“. Support im Prozess bekam das Team im Accelerator von Nestlé und den Verpackungsexperten des Programms. Die TetraPak Lösung von Öselbirch nutzt nun Bioplastik und dünnere Materialien – der Weg zur neuen Verpackung dauerte ein Jahr. 

Was sagen die Kunden zum neuen Outfit? „Es gibt Immer noch Kunden, die sich beschweren, Tetra Pak sei nicht gut, weil teils verbrannt werden muss“, so Anne. Im Exportmarkt Schweiz zum Beispiel gibt es nicht genug Recycling Anlagen. Das größte Problem sieht sie darin, dass Konsumenten noch immer nicht wissen, wie man die verschiedenen Abfälle richtig entsorgt. „WENN unsere Verpackung in der richtigen Tonne landet, dann wird sie auch zu 100 % weiter verwertet“, lautet das Fazit von Anne. 

 

Benedikt Golasch , Gründer PappelCan: „Recyclingfähige Materialien nützen nix, wenn es keine Anlagen gibt“

Was wäre, wenn es eine kompostierbare Alternative zu Aluminiumdosen gäbe? Das ist die Mission, die Benedikt und seine Partner im Start-up PappelCan antreibt. Denn: „An Plastikalternativen wird viel gearbeitet, aber die Aluminiumdose hat sich seit 1933 nicht verändert“, so der Düsseldorfer. 

Den Anstoß gab eine Hochzeit in Indien, bei der Bene die Entsorgung von hunderten von Plastikflaschen im Fluss beobachtete. „Hier hilft auch kein recyclefähiges Material“, kommentiert Bene, „denn es gib keine Recyclinganlagen“. 

Nun also die Getränkeverpackung aus Papier, in allen Facetten nachhaltig gedacht. Dazu gehört auch der Transport der Verpackungsmaterialien: leere Flaschen oder Dosen zur Abfüllung schicken braucht viel Volumen und verursacht entsprechenden CO2 Ausstoß. Die Lösung von PappelCan: sie verkaufen keine Dosen, sondern die Produktionsanlage samt Papier. Die Produktionsanlage ist so konzipiert, dass die Maschine klein vor Ort bei der Abfüllung steht. PappelCan schickt dann nur Papierrollen, und reduziert den Fußabdruck des Transports somit um den Faktor 30.

Und wann kommt diese Dose auf den Markt? Die Anlage ist entwickelt, das Material ist dicht gegen Fett und Wasser, aktuell wird es noch optimiert um auch Kohlensäure-haltige Getränke optimal zu verpacken. Das Material ist industriell kompostierbar, heimkomostierbares Material wäre nicht dicht. „Noch nicht,“ so der optimistische Ausblick von Bene. „Aber auch mit unserer aktuellen Dose verhindern wir zumindest, dass weiter Plastik in die Umwelt, unsere Lebensmittel und unsere Körper kommt.“

 

 

Kevin Schmid, Gründer Outlawz Foods:„Ich spreche auch nicht gerne darüber, dass unsere Verpackung noch nicht perfekt ist. Aber wir müssen drüber reden, damit es besser werden kann“

Eine nachhaltige Verpackung muss nach Kevins Meinung viele Kriterien erfüllen: „Sie muss eine lange Haltbarkeit meiner Produkte garantieren, nicht zu viel kosten, und man muss die Materialien im Recycling-Prozess gut voneinander trennen können, denn die Kunden tun das zu Hause nicht.“

Seine Produkte – Fleischalternativen – stellt die Verpackung dabei vor besonders hohe Hürden, denn sie muss Säure, Fett und Pasteurisierung widerstehen.

„Bioplastik kann das aktuell leider noch nicht leisten“, so das Resümee des Schweizers. „Daher besteht unser Vakuumbeutel leider weiterhin aus Plastik, allerdings mit dem dünnstmöglichen Material.“ Dieser Beutel kommt dann in eine Umverpackung aus Papier. Auch hier hat Kevin sich für ein Papier entschieden, dass viele Nachhaltigkeitskriterien erfüllt. Es ist CO2-neutral produziert und aus Agrarabfällen gewonnen. 

Aktuell kämpft Kevin mit dem Element Druckfarben. Auch diese sollten seinem Anspruch nach nachhaltig sein: mit seinem Papier funktionieren, ohne Lösungsmittel hergestellt und damit recyclingfähig sein. Die lösungsmittelfreien Farben auf dem Markt lassen sich aber nicht auf das von ihm gewählte Papier drucken. „Aktuell konzentrieren sich fast alle Unternehmen auf das Material, aber Farbe ist auch ein großes Problem“, konstatiert er. Daher arbeitet er aktuell mit einer Druckerei zusammen, um neue Farben zu entwickeln. Klebstoff sei ein ähnlich gelagertes Problem. 

Dabei ist ihm wichtig, seine Kunden über den Nachhaltigkeits-Status seiner Verpackungen aufzuklären „Ich kann nicht nur mein Papier als Marketingerfolg abfeiern. Als Unternehmer habe ich die Verantwortung, die Menschen aufzuklären, was der Status wirklich ist“, sagt Kevin entschieden. Daher kommuniziert Outlawz Foods offensiv auf ihren Verpackungen, welche Ziele sie erreicht haben, und an welchen Verpackungsschrauben sie noch drehen. 

„Auch wenn wir an einzelnen Elementen noch schleifen müssen: Kein Karton und dafür mehr Plastik wäre die schlechtere Alternative für uns und unser Produkt gewesen“.

 

Elisabeth Sabeditsch, Mit-Gründerin und COO, Palamo Packaging: "Jedes Unternehmen muss entscheiden, was für sich wichtig und richtig ist"

Zum Ende des Best Practice Talk machte Elisabeth den Teilnehmern Mut: die Zahl der nachhaltigen Verpackungsalternativen steigt. Allerdings ist die Vielfalt der Materialien und ihrer Trade-offs für den Laien oft schwer zu durchschauen, weshalb Palamo – ein Spin-off des weltweit tätigen Unternehmens "All for Labels" – sich besonders auf die Beratung von Start-ups spezialisiert hat. Denn: "Wir sehen, dass Start-ups besonders hohe Ansprüche an ihre Verpackungen haben".


 



Geschrieben von

M. Lee Greene

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