"Die Landwirtschaft wird sich massiv umbauen"

Wie viel Lab steckt demnächst in unseren Lebensmitteln? Heutzutage ist es möglich, in einem Bioreaktor (aka Fermenter) auf Reststoffen Pilze zu produzieren, die als alternatives Protein Fleisch substituieren können – mit hervorragenden Nährwerten. Durch Präzisionsfermentation wiederum werden spezifische Enzyme, Lipide und Proteine gewonnen – echter Käse ohne Kuh ist das Ergebnis. Utopie oder die Zukunft der Ernährung? Für die neue Ausgabe unseres Ideenfutter Talks sprechen wir mit Oliver Bonkamp, Geschäftsführer des Kompetenzzentrum Bio-Security, über die Chancen von Laboren und dort hergestellten Lebensmitteln – und was eine Sharing-Plattform für Spezialgerätschaften damit zu tun hat. Unser Gespräch hier wahlweise im Video oder auch als Interview zum nachlesen:


Lee: Willkommen Oliver zu einer neuen Ausgabe des Ideenfutter Talks. Du arbeitest in Bönen im Kompetenzzentrum Bio-Security. Was genau ist das? Was macht ihr da?

Oliver: Bio-Security ist ein Technologiezentrum in Bönen am Kamener Kreuz in NRW. Wir vermieten Büro- und Laborflächen und sind fokussiert auf die Bereiche Agrar-, Ernährungswirtschaft, Biotechnologie und Biochemie. Wir führen auch Forschungsprojekte durch, in denen wir Wissenschaft und Wirtschaft aktiv miteinander vernetzen. Und wir veranstalten einen Gründerwettbewerb, von bio bis Biotech, weil für uns bio und Biotech zusammengehören.

Lee: Für den Laien klingt das jetzt merkwürdig, Biotechnologie und Ernährungswirtschaft. Man hört aber in letzter Zeit total viel davon: FORMO macht Käse ohne Kuh und war letztes Jahr mit 50 Mio. US$ die größte Series-A eines europäischen Start-ups. QOA aus München macht Kakao aus dem Fermenter und war größte Pre-Seed Finanzierung. Kommt unser Essen jetzt in Zukunft also nicht mehr vom Land, sondern aus dem Labor? 

Oliver: Das ist aktuelle eine spannende Entwicklung, auf die wir noch keine abschließende Antwort haben. Aber wir wissen eines: die Landwirtschaft wird sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren massiv umbauen. Die aktuelle Form der Landwirtschaft ist unwirtschaftlich und unökologisch, weder nachhaltig noch tierfreundlich und wenig sozial. Der Produktionsprozess, Inputs auf dem Feld wachsen zu lassen, und es quasi in ein Tier zu schmeißen ist ineffizient: im Gegensatz zum Input bekommt man viel, viel weniger raus. 

Lee: Wie könnte man den Produktionsprozess ökonomischer gestalten?

Oliver: Wenn man das Produkt, was man auf dem Acker produziert direkt in die Nahrungskette einspeist, würde das womöglich wie mehr Menschen satt machen, als wenn ich erst ein Tier damit nähre und mir dann aus dem Tier ein Stück rausschneide. Ich bin mir sicher, dass sich solche Produktionsprozesse verändern werden. 

Lee: Kannst du uns ein konkretes Beispiel geben? Ich weiß, du bist involviert in ein Projekt bei euch vor Ort, da geht es um Mycoproteine. Also um Pilze im Fermenter als alternative Proteine. Kannst du uns erklären, wie sowas aussieht?

Oliver: Stelle dir einen Kochtopf vor – mehr ist ja ein Fermenter nicht. Allerdings ist es ein sehr großer Kochtopf, der 100, 200, 30.000, 40.000 Liter fasst. In dem Fermenter befindet sich Brühwerk, das man erhitzen und abkühlen lassen kann. In den Fermenter setzt man ein Substrat, beispielsweise Reststoffe aus der Lebensmittelindustrie, also etwas, was man sonst nur als Futtermittel oder Dünger verwenden würde. Da wird dann der Pilz mit ein paar Nährmedien und Flüssigkeit draufgesetzt. So wächst der Pilz aus dem Reststoff heran. 

Lee: Und daraus entsteht dann ein neues Produkt?

Oliver: Aus dem Pilz-Substrat kann ich dann beispielsweise eine Wurst machen. Das ist tatsächlich schon gelungen. Also nicht aus 100 Prozent Pilz wird 100 Prozent Wurst, aber Fleischwurst mit einem großen Anteil, etwa 25 oder 50 Prozent. Und die schmeckt auch.


Mehr Wertschöpfung und Wertschätzung für Reststoffe

Lee: Da kommen dann also Reststoffe aus der Lebensmittelindustrie in euren Fermenter. Die Kohlenhydrate befeuern dann, dass eine zusätzliche Schleife in meiner Wertschöpfung entsteht, ist das richtig?

Oliver: Ja, das ist richtig. Aus dem Reststoff ziehe ich noch mal was raus. In unserem Fall nutzt der Pilz den Reststoff, um zu wachsen. Ansonsten wäre der quasi direkt auf das Feld oder ins Futtermittel gegangen. So kann ich ihn nach der Fermentation immer noch ins Futtermittel einbringen. Es ist klassisch der bio-ökonomische Ansatz. Und das ist ein super Ansatz, wie ich finde. Es wird in den nächsten Jahren garantiert weitere Produkte geben, die derart produziert sind. Und das ist vollkommen safe und kontrolliert. Es gibt keine Umweltfaktoren, die da irgendwie reinspielen – das System ist ja geschlossen.

Lee: Und wer denkt sich sowas aus? Es ist ja nicht traditionell die Lebensmittelindustrie, die diese Veränderung treibt, oder?

Oliver: Häufig kommen die aus der Wissenschaft und wollen als Start-up aus der Hochschule starten. In der Regel sind es junge Menschen, die etwas verändern wollen. Das sehen wir beim Bio-Gründer Wettbewerb ganz deutlich. Wenn immer es darum geht irgendwo eine Wertschöpfung aus einem Reststoff rauszuziehen, treten die Start-ups auf den Plan. Das gilt für den landwirtschaftlichen Bereich und Food, aber auch für Clothing.

Grundsätzlich glaube ich, dass wir hier in NRW und im Ruhrgebiet eine exzellente Wissenschaft haben, aber da kommt noch zu wenig raus. Die Anzahl der Start-ups in Deutschland allgemein steigt nicht ans, sondern fällt. Das muss man ändern. 

Lee: Wo sind denn die Hürden für wissenschaftliche Teams die gründen wollen? Ist das eine Frage der IP, wem die Idee gehört?

Oliver: Klar, wenn ein Forschungsprojekt über die Hochschule finanziert hat, dann hat die Hochschule auch erstmal ein Recht an dem, was da entwickelt worden ist. Aber da haben sich die Hochschulen professionalisiert, Patente lassen sich an das neue Start-up überführen. Die Hochschulen haben auch Transfer-Stellen und es gibt hier in NRW die Start-up Excellenz-Center.  Der wichtige Punkt, den man beachten muss, ist: Wann gehe ich aus der Hochschule raus? 

Lee: Warum ist das wichtig?

Oliver: An den Unis haben Start-ups Zugriff auf Hochschul-Ressourcen, die Gerätschaften, die Labore und das Know-how dort. Außerdem können sich Gründer einiges an Fördermitteln aus der Hochschule ziehen: Fördertöpfe wie EXIST Forschungs-Transfer oder das EXIST Gründerstipendium. Man muss ja schon einen Prototypen in den Händen halten, damit die Risikokapitalgeber investieren. Vorher sind die Kapitalgeber in der Regel eher zurückhaltend. Daher ist der klassische Weg, sich noch ein bisschen Forschungsförderung ins Unternehmen zu holen, bis man sagen kann: „Hier ist der Prototyp“.


"Der Bedarf an Infrastruktur und Technologieunterstützung ist exorbitant hoch"

Lee: Aber die Uni ist ja eher Grundlagenforschung im Kleinformat? Fleisch für die Welt könnten die da ja nicht produzieren. Wenn ich also skalieren will, wie machen ich das?

Oliver: Also in NRW gibt es verschiedene Technologiezentren. Bei uns im Ruhrgebiet sind das beispielsweise Labore in Bochum, Witten oder bei uns hier im Kompetenzzentrum Bio-Security in Bönen. Man kann bei uns etwa Fermenter aufstellen, so bis 200/300 Liter. Das reicht, um den Proof of Concept zu erbringen. Da kann ich zwei Dinge beweisen: dass die Ausbeuten stimmen und die Prozesskosten in Ordnung sind. Danach kann ich dann auch ohne große Probleme in die Produktion gehen.

Von solchen Scale-up Centern brauchen wir hier in NRW mehr, der Bedarf ist exorbitant hoch. Sie sind aber durchaus in der Planung, die Frage ist: wann werden sie umgesetzt.

Lee: Und wie sieht das aus mit anderen Labor-Gerätschaften? Start-ups brauchen neben Fermentern ja auch weitere Geräte und technisches Know-how. Dafür hast du eine Initiative mitgestartet, den Cluster Market. Kannst du kurz erklären, was das ist?

Oliver: Cluster Market ist ein Start-up aus England. Es ist das AirBnB für Spezial-Gerätschaften im LifeScience Bereich. Du besuchst den Marketplace von Cluster Market und kannst dann schauen, welche Gerätschaften, beispielsweise ein Massenspektrometer, es in welchen Laboren gibt, um es auszuleihen. Das ist natürlich genial. Denn wenn ich erst noch den Proof of Concept erbringen muss, überlege ich mir sehr gut, ob ich mir ein Massenspektrometer kaufen will oder einen Fermenter mit 300 Liter. Leihen statt kaufen reduziert das Invest und damit das Risiko erheblich.  

Lee: Du sprichst von Invest. Was sind denn Summen, die Start-ups in dem Bereich aufbringen müssen?

Oliver: Wenn ich mir erst mal ein Massenspektrometer oder besagten Fermenter kaufen muss, da reden wir immer über Preise von 200.000/ 300.000€. Dann überlege ich mir als Start-up sehr gut, ob ich das wirklich mache. Wenn ich’s mir aber leihen kann, dann reduziert sich das Invest eines Start-ups um ein Vielfaches. Dann miete ich mir zum Beispiel hier bei uns ein Labor mit kleinem Büro für 12.000 bis 15.000 € im Jahr, leihe mir die Fermenter-Kapazität oder die Spezialgerätschaft die ich brauche – da bin ich dann mit 30.000 bis 50.000 € dabei. Das kann ich vielleicht bei Oma und Opa pitchen.

Lee: Und jetzt gibt es diesen Spezialgeräte-Verleih also auch in Deutschland` 

Oliver: Ja, am 03.03. wurde die Plattform hier in Deutschland gelauncht und zwar in Bochum. Deutschlandweit werden jetzt immer mehr Labore angebunden. Wenn uns das gelingt, wird das einen richtigen Schub für die Start-up-Branche bringen, insbesondere für unsere Start-ups im Food-Bereich.

Lee: Herzlichen Glückwunsch dazu! Und vielen Dank für deine Zeit. Das war ein Rundumschlag zu vielen Themen in unserer Branche mit vielen spannenden Insights. Vielen Dank, dass du beim Foodhub NRW dabei bist, und deine Erfahrungen so großzügig teilst.

Oliver: Vielen Dank, Lee. Darf ich abschließend noch einen Werbeblock machen? Wir würden uns freuen, wenn sich viele der Start-ups aus NRW beim Bio-Gründer Wettbewerb bewerben!

Geschrieben von

M. Lee Greene

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