"Wir machen Bäckereien schlauer – durch Daten"

In dem ersten Interview "Ideenfutter Talk mit Lee" spricht unsere Co-Founder M. Lee Greene mit Michael Prinzhorn, Managing Partner bei FoodTracks, über das Geschäftsmodell von FoodTracks, die Beweggründe hinter dem Start-up und Herausforderungen. Einen Wunsch an die deutsche Start-up Community gibt's obendrauf.

Und wie der Titel "Ideenfutter Talk mit Lee" schon sagt, starten wir damit ein neues Format. Freut euch auf regelmäßige Einblicke in die Geschäftsmodelle und Learnings von Start-up Gründern und Unternehmern aus unserer Community – wahlweise im Video oder in Schriftform. Hier geht's zum Video auf unserem YouTube Kanal. Für die Freunde des geschriebenen Wortes, bitte weiterlesen.

Lee: Wir begrüßen heute Michael von FoodTracks. Michael, kannst du dich mal kurz vorstellen und sagen, was denn FoodTracks eigentlich ist und was ihr genau macht?

Michael: Ich bin Michael Prinzhorn, einer der Geschäftsführer und Gesellschafter von FoodTracks. Wir helfen Bäckereien, aus ihren Daten Handlungsempfehlungen abzuleiten und somit die Bäckereien datentechnisch noch etwas schlauer zu machen. Das heißt z.B. herauszufinden, wie viele Brote einer Sorte eine Bäckerei an einem bestimmten Wochentag in eine bestimmte Filiale liefern muss, um dort die richtige Menge vor Ort zu haben. Damit am Ende des Tages weder zu viel übrig bleibt, noch dass man ausverkauft ist. 

Was macht ihr anders?

Lee: Aber hatten denn Bäcker vor euch keine Daten?  

Michael: Bäcker haben schon sehr lange Daten, denn mit dem Kassensystem und mit der Warenwirtschaft werden regelmäßig Daten gesammelt. Wir machen nichts anderes, als dass wir eben auf diesen Daten aufsetzen und daraus Muster erkennen und z.B. sagen: in der Markt-Filiale XY ist ein bestimmter Artikel immer zu 30 Prozent in der Retoure. Wenn eine Bäckerei 50, 60, 70 Filialen hat, dann fällt so ein Einzelfall gar nicht auf. Wir helfen dabei, genau diese Fälle zu erkennen. So kann die Bäckerei dann ganz gezielt da ansetzen. 

Lee: Wie funktioniert das? Könnt ihr in den Betrieb gehen, eine Schnittstelle schaffen und sofort loslegen; oder müsst ihr die Bäckereien erst digitalisieren?

Michael: Nein, digitalisieren müssen wir nicht. Natürlich war es eine Aufbauarbeit alle Schnittstellen zu bauen, aber wir arbeiten mit den bestehenden Daten aus den führenden Warenwirtschafts- und Kassensystemen. Es ist ein enormer Vorteil, dass wir nicht bei Stunde Null anfangen und erst Daten sammeln müssen, da es schon Daten in dem Bestand-System gibt. Diese nutzen wir, um daraus entscheidungsunterstützende Empfehlungen abzuleiten. Aber wir mussten natürlich auch erst die Prozesse verstehen. Welche Abläufe gibt es im Bereich der Bestellplanung? Wie viel liefern wir aus der Backstube in die Filialen? Welche Prozesse gibt es dort und wie können wir dort bestmöglich unterstützen? Es hat einige Zeit gedauert diese “Bäcker-Sprache” zu sprechen und wir sind froh, dass wir jetzt relativ flüssig darin sind.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Lee: Bist du Bäcker? Ist dein Co-Geschäftsführer Tobias oder einer aus dem Team Bäcker?

Michael: Wir sind keine Bäcker. Obwohl: Mein Großvater war Bäckermeister. Von daher ist es schon für mich eine Rückkehr zu alten Wurzeln. Eigentlich war aber unser Ursprung, dass Tobias mit seinen Statistik- und Datenanalysen Kenntnissen nach der Promotion etwas Sinnvolles mit diesem Wissen anfangen wollte. Er hat gezielt nach Branchen gesucht, in denen künstliche Intelligenz und Big Data noch nicht angewendet wurden, um Unternehmen auf die nächste Stufe zu heben.
Zu der Zeit war es in den Medien bereits ein großes Thema, wie viel Brot in Bäckereien weggeschmissen wird. Schlicht und einfach, weil zu viel produziert wurde. Das hat ihn sehr bewegt und so hat er sich dazu entschlossen, dort seine Fähigkeiten einzubringen. So ist FoodTracks gestartet.

Lee: Man denkt jetzt natürlich automatisch ein bisschen Lebensmittelverschwendung - AI - Predictive Analysis. Aktuell sagt ihr “Okay, also das sind meine Bestandsdaten und ich weiß, historisch, welche Kunden samstags bei mir einkaufen oder nicht.” Aber seid ihr auch so weit, dass ihr Bestandsdaten analysiert nach Schulferien, nach Regentagen, nach Ereignissen etc. Wie wie tief hakt ihr da ein? 

Michael: Das war eine wichtige Erkenntnis für uns: Der Versuch, möglichst 100 verschiedene Einflussfaktoren zu berücksichtigen, ist letztlich nicht der erfolgsbringende. Tatsache ist, die Sortimente werden in ganz unterschiedlichen Mengen in der Filiale verkauft. Und es geht um viel kleinere Losgrößen als wenn eine Lebensmitteleinzelhändler oder eine Supermarkt-Filiale entscheidet, wieviel hundert oder tausend Bananen man braucht.

Unser Learning war, dass man vor allem die Strukturen der Belieferung oder der Bestellung bei einer Bäckerei durchdringen muss. Daraus kann man schon extrem viel rauslesen und der Bäckerei ist damit sehr geholfen. Außerdem gibt es unterstützende Faktoren, die wir natürlich auch mit einbeziehen. Aber unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir die Dinge so einfach machen wie möglich. Unsere Kennzahlen kann man sehr einfach nachvollziehen. Was für den Bäcker super ist, weil er dann versteht, wie man zu der Zahl kommt und wie er damit umgehen kann.

Wie sieht die Zukunft aus?

Lee: Wie sieht das denn aus, aus Geschäftsmodell-Perspektive? Ihr seid ja zur Zeit auf Bäcker spezialisiert, aber wo geht es im nächsten Schritt hin? Wo lässt sich euer Geschäftsmodell noch skalieren?

Michael: Wir wollen bei einer Sache Erfolg haben und die immer mehr durchdringen. Bäckereien zu unterstützen ist herausfordernd, gleichzeitig aber auch ein großer Markt. Es gibt hier in Deutschland rund 10.000 Bäckereibetriebe. Unser Ziel ist es, der Branchenstandard zu werden. Da haben wir noch einen ordentlichen Weg vor uns und von daher sind das erstmal unsere nächsten Aufgaben. Trotzdem schauen wir uns weiter um – wir haben auch schon Kunden im Lebensmitteleinzelhandel. Aber unser Fokus liegt ganz klar im Bäckereimarkt. Und wir lieben es, Dinge gut und richtig zu machen, deswegen sind wir auch sehr überzeugt von diesem Weg.

Lee: Du hast gesagt 10.000 Bäckereibetriebe. Das sind aber wahrscheinlich dann Betriebe im Sinne von Geschäftsform? Wie viele Bäckerei Filialen gibt es denn überhaupt in Deutschland? 

Michael: Es gibt je nach Zählung circa 40.000 Filialen, Fachgeschäfte oder Verkaufsstellen. Es gibt Bäckereien in Deutschland, die haben nur einen Verkaufsort und solche, die haben mehrere Hundert. Das geht sehr, sehr weit auseinander. Aktuell ist unser Segment eine Größe zwischen acht Filialen und Filialen im unteren dreistelligen Bereich. Danach richten wir derzeit unsere Software aus. 

Lee: Seht ihr denn einen Schwerpunkt? Eine bestimmte Art von Betrieb, eine bestimmte Betriebsgröße, einen bestimmten Organisationsgrad? Kann man pauschal sagen, Bäcker, die wirklich nur eine Filiale haben, haben an technischen Innovation kein Interesse? Oder wäre das komplett falsch, weil es eigentlich um den Mindset des einzelnen Besitzers geht und nicht darum, wie viele Filialen einer hat?

Michael: Mit der Anzahl der der Filialen steigt natürlich die Komplexität und damit auch die Notwendigkeit, innovative Tools einzusetzen. Aber auch kleinere Bäckereien können Innovationstreiber sein. Wir haben da ein breites Spektrum und tolle Zusammenarbeit sowohl mit den großen Bäckereien als auch mit den kleineren. Die Großen können zum Teil auch noch etwas von den Kleinen lernen, weil diese es im kleineren Rahmen sehr gut aufsetzen und das auch dann zum Erfolg bringen. So ist das Ganze gut nachvollziehbar.

Lee: Schön, dass du das so herausgearbeitet hast. Das ist meiner Meinung nach ein Vorurteil, das viele Start-ups oder Gründer haben: “Ich brauche die Großen und die Kleinen sind im Zweifel für mich gar nicht relevant”. Das ist schön, dass ihr da die Erfahrung gemacht habt, dass das durchaus auch ein gutes Geschäftsfeld ist.

Michael: Absolut. Bäckereien sind oft auch Familienunternehmen. Und gerade in den kleineren Bäckereien rückt oft die neue Generation in die Geschäftsführung – und das sind Digital Natives. Die kennen es gar nicht anders, als mit ihrem Smartphone gewisse Dinge zu tun und Tools zu nutzen, um Dinge schneller zu machen oder bessere Entscheidungen zu treffen. Da haben wir wirklich einige Kunden, die so Innovationen voranbringen.

Lee: Du machst ja bei Euch im Team den Vertrieb. Das heißt, du musst immer die ganzen Bäckereien abfahren und dann dauernd Teilchen und Kuchen essen. Ist ja auch ein schrecklicher Job.

Michael: Ich lerne auch immer neue Spezialitäten kennen. Im Vertrieb ist man ja klassischerweise sehr viel unterwegs ist und trifft viele Menschen vor Ort. Aber durch das Corona-Virus hat sich da auch einiges geändert.
Über Videoplattformen Kontakt herzustellen, sich gemeinsam eine Software anzugucken, durchaus auch Vertrauen aufzubauen – das ist mittlerweile auch möglich. Das war vor Corona eigentlich nur ein Element, aber letztlich war der Vor-Ort-Termin immer der Entscheidende. Das hat sich ein wenig geändert und ich glaube, das wird auch zum Teil in Zukunft so bleiben. Der Umgang mit solchen Tools ist einfach geübt. Das macht einiges ein bisschen schneller und einfacher.

Wünsche an die deutsche Start-up Community

Lee: Was sind deine Wünsche an die deutsche Gründer/ Start-up Community. Was sollte sich vielleicht ändern oder manifestieren in der deutschen Start-up Welt, meinetwegen Schwerpunkt Food, aber gerne auch grundsätzlich?

Michael: Es wird immer viel darüber geklagt, es gäbe zu wenig Venture Capital. Was mir viel mehr auffällt ist, dass das ganze Arbeitsrecht und viele gesetzliche Dinge einfach nicht zu Start-ups passen. Wenn jemand Freelancer wird zum Beispiel, dann ist er schon mal per se scheinselbständig - und dann muss man erst einmal das Gegenteil nachweisen.
Dabei reden wir zum Teil über hochbezahlte IT-Experten. Was da vom Gesetzgeber vorgegeben wird passt zum Teil einfach nicht zu unserer Start-up Welt. Ein kleines Update des Betriebssystems könnte ich mir da vorstellen. 

Lee: Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch. 


Geschrieben von

M. Lee Greene

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