Upcycling – Wenn aus Brot Bier wird

Was haben von der Wiese, be bananas (Neue Werte), Heldenbrot und Akoua Juice gemeinsam? Sie upcyclen Lebensmittel oder Reststoffe und stellen daraus neue Produkte her. Aussortierte Lebensmittel werden so zurück in den Lebensmittelkreislauf gebracht und Lebensmittelverschwendung wird reduziert. Laut Schätzungen der WHO werden weltweit rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Dass auch in Deutschland jährlich viel zu viele Lebensmittel verschwendet werden, könnt ihr in unserem Artikel vom vergangenen März nachlesen. Ist Upcycling eine Lösung? Die Antwort gibt ein Blick in die USA. Dort hat die Upcycled Food Association (UFA) im vergangenen Juni ein Upcycled-Zertifizierungszeichen eingeführt. Bis Ende Mai 2022 waren bereits über 200 Produkten zertifiziert. Weitere 350 bis 400 Produkte sollen dieses Jahr noch folgen. Dadurch werden laut dem Mitgründer der UFA jährlich 840 Millionen Pfund Lebensmittelverschwendung vermieden. Die Wachstumsraten in den USA zeigen: Upcycling lohnt sich. Auch in Deutschland gibt es bereits einige Start-ups gibt, die sich mit Upcycling gegen Lebensmittelverschwendung einsetzten. Wir haben euch eine Übersicht zusammengestellt, die auch über die Grenzen NRWs blickt:


Aussortiertes Obst & Gemüse werden zu Snacks und Getränken

  • Das Essener Start-up von der Wiese verwendet ungenutzte Äpfel, um daraus neue Produkte herzustellen. "Dabei zielen wir vor allem auf private Gärten, Kleingärten und Supermärkte ab, die den Apfelmengen im Herbst gar nicht mehr Herr werden können", sagt der Gründer Lars Kokoscha. "Natürlich machen wir das ganze so lokal und entsprechend umweltschonend wie möglich, aktuell ausschließlich innerhalb Essens", ergänzt er. Das erste Produkt des Start-ups ist der Epple Cider aus Essener Äpfeln, allerdings "startetet die Idee zunächst nicht aus dem Aspekt der Foodwaste-Vermeidung", meint Lars. Es ging zunächst darum, ein leckeres Produkt herzustellen. Dann kam Lars der Gedanken, möglichst nachhaltige Materialien zu nutzen, denn auch privat versucht der Gründer möglichst wenig Lebensmittel zu verschwenden. Ob Lars zukünftig nur mit Äpfel gegen den Foodwaste vorgehen will? - "Gerne würde ich in den kommenden Jahren auch z.B. Rhabarber- und/oder Kirschgetränke anbieten", antwortet er.
  • Auch das Haaner Start-up ClimAid nutzt Streuobst von Wiesen in Baden-Württemberg und dem Bergischen Land für ihre Getränke. Die daraus produzierte Apfelschorle ist daher auch nur als limitierte Edition errhältlich.
  • Das Berliner Start-up Dörrwerk stellt aus geretteten Früchten Fruchtpapier her. Das sind dünne Scheiben aus getrocknetem Obstmus, die es in den Sorten Mango und Apfel und Brombeere und Apfel zu kaufen gibt. Dörrwerk verwertet dafür Obst und Gemüse, das wegen ästhetischer Mängel nicht mehr in den Handel kommt und deswegen weggeworfen werden würde. Für das Fruchtpapier verwendet das Start-up immer Äpfel, die nicht mehr zur Klasse 1 der Lebensmittel gehören und eine Zweitfrucht – also Mango oder Brombeere. Im vergangenen Jahr hat sich der Aachener Fruchtverarbeiter Zentis am Start-up beteiligt. Kapitalgeber war hier die Tochtergesellschaft von Zentis, Zentis Ventures
  • Die Gründer von Dörrwerks, die Zwillinge Philipp und Stefan Prechtner, haben außerdem eine zweite Marke ins Leben gerufen – Rettergut. Mit diesem stellen sie Suppen, Aufstriche, Pesto und vieles mehr her. Dabei kommen B-Waren von Landwirten, Zwischenhändlern und Produzenten. 
  • Was kann man aus Trester der Saftproduktion noch so machen? Wraps und Pizzaboden! Das beweist das Start-up Beetgold, von einem Hochland-Mitarbeiter erdacht und als Corporate Start-up gelauncht.

In jedem Bier steckt eine Scheibe Brot

  • Das Frankfurter Start-up Knärzje stellt seit 2019 das erste ökologisch zertifizierte Zero-Waste-Bier Deutschlands her. Das Bier wird aus aussortiertem Brot gebraut. Das heißt, in jeder Flasche Bier steckt eine Scheibe Brot. 
  • Auch die Bäckerei FEiHL aus Neumarkt, Bayern, arbeitet mit Orca Brau, einer Craftbierbrauerei aus Nürnberg zusammen, um aussortiertes Brot wiederzuverwerten. Gemeinsam haben die beiden Unternehmen ein Brotbier entwickelt, das aus den Rückläufern des Brotes „Der Rebell 36“ entsteht. Daher kommt auch der Name des Brotbiers – „Der Rebell“. 
  • Bananenbrot hingegen produzieren die Gründer Tim und Lars mit "be bananas" (Neue Werte). Not so fun fact: die Banane ist die in Deutschland am meisten von Verschwendung betroffenste Frucht. In Kooperation mit Ihr Bäcker Schüren stellen die beiden nun Bananenbrot aus Bananen her, die wegen ästhetischer Mängel nicht mehr vom Handel bezogen werden. Noch ein Vorteil ihres Start-ups: Sie backen nur auf Nachfrage, um in der Wertschöpfungskette des Bananenbrots die Lebensmittelverschwendung weiterhin vorzubeugen. 
  • Das Start-up Heldenbrot aus Konstanz arbeitet ebenfalls mit aussortiertem Brot und stellt daraus unter anderem Nudeln her. Bis zu 20% der Tagesproduktion einer Bäckerei bleibt übrig und muss deswegen entsorgt werden – hier will Heldenbrot seinen Beitrag leisten. Sie kaufen das nicht verkaufte Brot ihren Bäckerpartnern ab, zerkleinern und trocknen es, um daraus neue Produkte wie Nudeln, aber auch Brotlinge und Kekse herzustellen. 
  • Auch Knödelkult nutzt Brot, allerdings – wie der Name schon vermuten lässt – um daraus Knödel herzustellen.

Ungewöhnliche Methoden der Reststoff-Verwertung

Allerdings gibt es nicht nur Start-ups, die Bekanntes aus Bekanntem herstellen, sondern auch die, die aus Resten neue Ressourcen entwickeln. 

  • Beispielsweise Akoua Juice aus Ratingen. Das Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen die Verschwendung der Cashew-Äpfel vorzugehen. Cashew-Äpfel landen aufgrund ihrer schlechten Lagereigenschaften häufig unverarbeitet im Müll. Nur die Kerne werden direkt vor Ort abgenommen und exportiert, da diese im Gegensatz zur Frucht nicht direkt am Ernteort verarbeitet werden müssen. Mit der steigenden Nachfrage nach Cashew-Nüssen steigt eine Menge Cashew-Äpfel, die eigentlich sehr gute Nährwerte haben. Simon Debade und seine Frau arbeiten mit ihrem Partner aus Benin, Westafrika, zusammen, um neue Produkte aus Cashew-Äpfeln zu entwickeln. Da die Früchte nicht im Rohzustand nach Deutschland geliefert werden können, verbessert Akoua Juice die Verarbeitungsmöglichkeiten für Cashew-Früchte vor Ort, um sie dann als Endproukt – aktuell als Saft – nach Deutschland zu exportieren. Hier geht es zum Ideenfutter Talk mit Simon.
  • Einen ähnlichen Weg geht das Start-up Kiukiu, um die Kakao-Frucht zu nutzen. Die Hamburger haben eine Cocktail-Zutat entwickelt. Dafür arbeiten die beiden Gründer mit Bösch Boden Spiess zusammen
  • Ebenfalls aus der Kakao-Frucht stellt das Ritter Sport Corporate Start-up CacaoVida Getränke her: neben Erfrischungsgetränken hat CacaoVida auch einen Secco entwickelt.
  • Das österreichischen Start-up KernTec hingegen rettet Steinobstkerne, beispielsweise von Aprikosen. Diese werden aufgrund ihrer giftigen Inhaltsstoffe, etwa dem Pflanzengift Amygdalin, häufig weggeworfen. Bei der Marmeladen- und Schnapsherstellung bleiben deswegen jedes Jahr massenhaft Obstkerne liegen, die die Obstbauern nicht mehr brauchen. Die Samen im Inneren des Kerns beinhalten aber wertvolle Proteine und gesunde Fettsäuren. Also eigentlich zu schade, um sie zu entsorgen. Hier kommt KernTec ins Spiel. KernTec arbeitet mit einer Kernspaltungsmaschine, die den verholzten Teil des Steinobstkerns vom Samen trennt. So wird das Amygdalin aus dem nährstoffreichen Teil des Kerns entfernt und die Steinobstkerne werden genießbar gemacht. Aus den Kernen werden bei KernTec dann unter anderem Öle oder Mehle hergestellt.

Lebensmittelreste in andere Industrien upcyclen

  • Bioplastik-Produzent BIOTEC aus Emmerich entwickelt nachhaltige Biokunststoffe aus erneuerbaren pflanzlichen Ressourcen. Eine dieser pflanzlichen Ressourcen ist die Kartoffelstärke. Hier arbeitet BIOTEC u.a. mit einem Produzenten zusammen, der die Abschnitte aus der Pommes Produktion zu Stärke verarbeitet.
  • Neue Verwendungen zu finden, das ist auch das Thema des Düsseldorfer Start-ups Leroma. Im Rahmen ihrer Überschussbörse für Rohstoffe bringen sie z.B. zu stark gerösteten Kaffee in der Kosmetikindustrie unter. Auf ihrer Website entsteht gerade ein Valorisierungsforum, wo Interessierte sich über Reststoffe und ihre Verwendungszwecke austauschen können.

All diese Start-ups haben eins gemeinsam – Sie machen uns vor, wie Foodwaste reduziert werden kann und zeigen, dass aussortierte Lebensmittel nicht gleich verschwendete Lebensmittel sind. Jede krumme Karotte ist die Chance für ein neues Produkt. Wir sind gespannt auf eure Ideen!

Haben wir ein Start-up vergessen, lasst uns gerne einen Hinweis in den Kommentaren!

Geschrieben von

Leonie Kellers

Kommentare

  • SD

    Simon

    vor 1 Monat

    Vielen Dank Leonie für diesen tollen Bericht.
  • Profilbild von M. Lee Greene

    M. Lee

    vor 1 Monat

    Lieber Simon, das ist aber nett! Wir freuen uns immer über Feedback, besonders natürlich wenn es so positiv ist :)
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